Iran in BRICS+: Balance zwischen Sanktionen, Strategie und regionalem Engagement

Der formelle Beitritt des Iran zu BRICS+ im Jahr 2024 war ein wichtiges diplomatisches Signal – der Höhepunkt der langjährigen Bemühungen Teherans, sich enger an aufstrebende Volkswirtschaften außerhalb des westlichen Einflussbereichs anzunähern. Dieser Schritt wurde weithin als Versuch interpretiert, die globale Bedeutung des Iran zu stärken, wirtschaftliche Partnerschaften zu diversifizieren und angesichts anhaltender Sanktionen politische Legitimität zu erlangen.

Die Mitgliedschaft hat dem Iran zwar eine breitere Plattform für den Dialog verschafft, doch die materiellen Vorteile bleiben begrenzt. Dieser Artikel untersucht die wirtschaftlichen und geopolitischen Auswirkungen der BRICS+-Mitgliedschaft des Iran, wobei ein besonderer Schwerpunkt auf den Auswirkungen im Südkaukasus liegt, wo sich überlappende Verkehrskorridore und politische Dynamiken die regionale Konnektivität prägen.

1. Das Wesen von BRICS+: Zusammenarbeit ohne Integration

Die erweiterte BRICS-Gruppe – bestehend aus Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika, Iran, Ägypten, Äthiopien und den Vereinigten Arabischen Emiraten – repräsentiert zusammen etwa 40 % des globalen BIP (PPP) und über 40 % der Weltbevölkerung (BRICS Portal, 2025).

Trotz ihres beeindruckenden Umfangs bleibt BRICS+ eher eine konsultative Plattform als eine integrierte Wirtschaftsunion. Es fehlt eine gemeinsame Währung, eine Handelspolitik oder ein kollektiver Sanktionsmechanismus. Seine wichtigste Finanzinstitution, die New Development Bank, vergibt Kredite selektiv und zeigt sich gegenüber risikoreichen oder sanktionierten Volkswirtschaften wie dem Iran zurückhaltend.

Laut Professor Heinz Gärtner, Politikwissenschaftler an der Universität Wien und Senior Research Advisor am International Institute for Peace, „bietet BRICS+ dem Iran Sichtbarkeit und Networking-Möglichkeiten, aber keinen institutionellen Schutz oder direkte wirtschaftliche Entlastung.“

Der Vergleich mit der früheren Mitgliedschaft des Iran in der Shanghai Cooperation Organization (SCO) im Jahr 2023 ist aufschlussreich. Wie die SCO stärkt auch BRICS+ die diplomatische Präsenz des Iran, ohne jedoch seine makroökonomischen Realitäten zu verändern.

2. Wirtschaftliche Ergebnisse: Sanktionen und strukturelle Abhängigkeit

Der Iran unterliegt weiterhin den Beschränkungen der US-Sanktionen und der reaktivierten UN-Sanktionen, die seinen Zugang zu globalen Finanzmitteln und Technologien einschränken. Öl bleibt seine Haupteinnahmequelle.

  • Die Ölexporte beliefen sich in der ersten Hälfte des Jahres 2025 auf durchschnittlich 1,63 Millionen Barrel pro Tag (Iran Oil & Gas) und wurden hauptsächlich an China verkauft.
  • Die Exporte von Erdölprodukten gingen zwischen März und August 2025 um 25 % (≈ 2,5 Mrd. US-Dollar) zurück (Trend.az).
  • Die Inflation liegt weiterhin bei etwa 40–42 %, während der Rial weiter an Wert verliert (IMF World Economic Outlook 2025).

Die anhaltenden sekundären Sanktionen halten selbst wohlwollende Partner davon ab, die Zusammenarbeit zu vertiefen. Wie Professor Gärtner feststellt: „Die meisten Staaten bevorzugen eine begrenzte Zusammenarbeit mit dem Iran, um sekundäre Sanktionen zu vermeiden. Die BRICS+-Mitgliedschaft beseitigt dieses Risiko nicht.“

Während Teheran alternative Zahlungsmechanismen unter Verwendung lokaler Währungen (Yuan, Rubel, Dirham) betont, sind solche Vereinbarungen nach wie vor von geringem Umfang und stark von der Politik der Partnerstaaten abhängig.

3. Regionale Dimension: Der Südkaukasus in der Strategie des Iran

Die Regionalpolitik des Iran betrachtet den Südkaukasus als wichtige Transit- und Sicherheitszone, die den Persischen Golf mit dem Schwarzen Meer und den eurasischen Märkten verbindet. Der Internationale Nord-Süd-Transportkorridor (INSTC) spielt in dieser Vision eine zentrale Rolle. Studien zu diesem Korridor schätzen, dass er die Transportzeit zwischen Indien und Russland von etwa 45 bis 60 Tagen (über den Suezkanal) auf etwa 25 bis 30 Tage verkürzen und die Transportkosten um etwa 30 % senken kann, indem die Fracht auf eine 7.200 km lange multimodale Route verlagert wird, die indische Häfen, den Iran, das Kaspische Becken und Russland verbindet. (Weltbank via Debuglies).

Armenien: Ein kooperativer Partner

Für Armenien bietet der Iran einen Weg zur Diversifizierung und besseren Anbindung. Der bilaterale Handel erreichte 2022 einen Wert von 370 Millionen US-Dollar (Trading Economics), hauptsächlich in den Bereichen Strom, Baumaterialien und Gasaustausch. Die beiden Regierungen diskutieren weiterhin über Verkehrs- und Energieinitiativen, die die Nord-Süd-Verbindungen Armeniens stärken könnten.

Armeniens Ansatz bleibt pragmatisch: Die Zusammenarbeit mit dem Iran ergänzt die Partnerschaften mit der EU, den USA und Indien, ersetzt sie jedoch nicht. Diese multivektorielle Politik ermöglicht es Eriwan, die Modernisierung der Infrastruktur voranzutreiben und gleichzeitig die regionale Stabilität aufrechtzuerhalten.

Aserbaidschan: Parallele Konnektivitätsstrategien

Die Beziehungen zwischen dem Iran und Aserbaidschan sind weiterhin von vorsichtiger Zusammenarbeit und unterschwelligen Sensibilitäten geprägt. Beide Länder unterstützen den Handel und den Energieaustausch, aber ihre Prioritäten in Bezug auf Korridore unterscheiden sich:

  • Der Iran fördert die Nord-Süd-Konnektivität durch sein eigenes Territorium (INSTC).
  • Aserbaidschan konzentriert sich auf Ost-West-Verbindungen zwischen dem Kaspischen Meer, der Türkei und Europa.

Diese Strategien sind nicht von Natur aus widersprüchlich, sondern spiegeln unterschiedliche wirtschaftliche Ausrichtungen wider. Der Einfluss Teherans auf die Gestaltung regionaler Korridore bleibt jedoch bescheiden. Externe Akteure – insbesondere die USA, die EU und Russland – prägen weiterhin wichtige Entscheidungen in den Bereichen Infrastruktur und Energie.

Wie Gärtner feststellt: „Die Rolle des Iran im Südkaukasus ist die eines Teilnehmers, nicht die eines treibenden Faktors. Die Region ist zu einem Raum geworden, in dem mehrere Mächte gemeinsam Einfluss ausüben.“

4. Externe Dynamik: Russland und China als selektive Partner

Innerhalb der BRICS+ bleiben Russland und China die wichtigsten Partner des Iran, aber beide handeln nach ihren eigenen strategischen und wirtschaftlichen Interessen.

  • China verfolgt eine risikoscheue Politik und konzentriert sich auf stabile Ölimporte und schrittweise Investitionen im Rahmen der Belt and Road Initiative.
  • Russland, das selbst mit Sanktionen konfrontiert ist, zeigt eine größere politische Annäherung an Teheran und könnte die Zusammenarbeit in den Bereichen Kernenergie, Logistik und Infrastruktur ausweiten.

Doch weder Moskau noch Peking sind bereit, den Zugang zu westlichen Finanzmitteln zu ersetzen oder sekundäre Sanktionsrisiken für den Iran zu übernehmen. Die Partnerschaften sind daher eher instrumentell als transformativ.

5. Zukunftsaussichten

Die BRICS+-Mitgliedschaft des Iran zeugt von diplomatischer Beharrlichkeit, ändert jedoch nichts an den grundlegenden wirtschaftlichen Zwängen des Landes. Das Land hat Zugang zu Dialogen erhalten, nicht zu struktureller Integration. Seine Fähigkeit, die Entwicklungen im Südkaukasus zu beeinflussen, wird weniger von seinem Mitgliedsstatus abhängen als vielmehr von seiner Fähigkeit, zuverlässige Konnektivität, Energiestabilität und vorhersehbare Partnerschaften zu gewährleisten.

Für Armenien bleibt die Zusammenarbeit mit dem Iran ein pragmatischer Bestandteil der Diversifizierungsbemühungen. Für Aserbaidschan erhöht BRICS+ die Sichtbarkeit des Iran, verändert jedoch nicht direkt die regionalen Machtverhältnisse. Für den Iran besteht die Herausforderung darin, die symbolische Teilnahme in messbare Ergebnisse umzuwandeln – eine Aufgabe, die durch Sanktionen, begrenzte finanzielle Transparenz und globale Risikowahrnehmungen erschwert wird.

Professor Gärtner kommt zu folgendem Schluss: „Die Rückkehr des Iran in hochrangige Foren ist bedeutend, doch sein Einfluss bleibt bedingt – abhängig von seiner Fähigkeit, externen Druck zu bewältigen und interne Reformen durchzuführen.“

Beitrag von Siranush Grigoryan, Dozentin an der Armenischen Nationalen Polytechnischen Universität.

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